Reifegrad-Modelle
Ein Beitrag von Dr. Uwe-Klaus Jarosch, April 2026
Produktentwicklung:
Ganz einfach:
Eine Idee haben – Ausprobieren – Anbieten – Fertig.
Im Handwerk mag das stellenweise so ablaufen und auch gut funktionieren.
Sobald wir über industrielle Produkte, also Produkte mit einem größeren Kundenkreis und einer wiederholenden Fertigung sprechen, wird sowohl die Entwicklung des Produkts selbst als auch die Planung und Vorbereitung der Herstellung einen organisierten Ablauf benötigen.
Daher soll es in diesem Blog-Beitrag über die Gestaltung und Nutzung eines Reifegradmodells für den Produkt-Entwicklungs-Prozess gehen.
Warum sprechen wir von Reifegraden?
Bei der Entwicklung von der Idee zum fertigen Produkt in Serie sind im Unternehmen wichtige Entscheidungen zu treffen. Hier eine Liste ohne Anspruch auf Vollständigkeit:
- Diese Produktidee soll zu einem Produkt entwickelt werden.
- Auf Anfrage eines Kunden geben wir ein Angebot ab.
- Die Gestaltung des Produkts ist so weit, dass der Bau von Prototypen zur Erprobung beginnen kann.
- Die Prototypen haben Funktionstests bestanden. Anlagen und Werkzeuge für eine Serienfertigung müssen beauftragt werden.
- Stückzahlen müssen geplant werden einschließlich Teileversorgung und Logistik.
- Anlagen und Werkzeuge sind verfügbar. Die Qualität der produzierten Vorserienteile entscheidet, ob die Entwicklung von Produkt und Prozess abgeschlossen ist und die Produktion in Serie starten kann.
- Die Auslieferung erster Produkte an Kunden.
- Entscheidung zum Hochlauf der Produktion auf die geplante Menge.
- Die Erweiterung / Veränderung von Produktionskapazitäten.
- Die Veränderung und/oder Weiterentwicklung des Produkts.
Diese oder ähnliche Entscheidungspunkte können als Meilensteine oder Entscheidungspunkte eines Projekts hervorgehoben werden.
Jeder Meilenstein in der Abfolge bedeutet einen Fortschritt in der Reife des Produkts, im Reifegrad.
Ein solches Reifegrad-Modell sollte im Interesse jedes Unternehmens mit Entwicklung liegen.
In einigen Branchen, z.B. der Automobil-Industrie, wurden solche Reifegrad-Modelle von den OEMs[1] entwickelt. Die OEMs wenden diese Reifegradmodelle auf ihre eigene Entwicklung an und verpflichten ihre Lieferanten, ebenfalls nach diesem oder einem anerkannt vergleichbaren Modell zu entwickeln.
[1] OEM = Original Equipment Manufacturer = Orginalhersteller. Diese Firmen sind für die Endkunden für das Produkt gesamthaft verantwortlich, auch wenn zahlreiche Komponenten von Lieferanten kommen.
Für die deutschen Automobil-Hersteller gibt es eine Branchenbeschreibung für Reifegradmodelle beim VDA QMC[2].
Aus den USA ist das Verfahren APQP[3] damit vergleichbar.
[2] Siehe Reifegradabsicherung für Neuteile_06/2022-Verband der Automobilindustrie e.V. Qualitäts Management Center (VDA QMC)
Welches Modell für wen ?
Der Begriff „Modell“ drückt aus, dass es sich um eine Strukturierung zur Vereinfachung von Entwicklungsabläufen handelt.
Das ist es aus meiner Sicht aber nicht. Daher ist auch der Begriff aus meiner Sicht nicht korrekt. Ich halte Bezeichnungen wie „System zur Reifegradbewertung“ oder „Meilenstein-System“ für passender.
Der Prozess der Entwicklung von Produkten und Prozessen wird durch das Reifegradmodell nicht beeinflusst. Dieser PEP[4] wird firmen- oder produktspezifisch darauf ausgerichtet sein, was im Unternehmen sinnvoll nötig erscheint, um zu einer Produktion in Serie zu kommen. Für ein Software-Unternehmen ist das deutlich etwas Anderes als für eine Firma, die als Auftragsfertiger arbeitet.
[4] PEP wird genutzt für „Produkt Entwicklungs Prozess“ oder „Produkt Entstehungs-Prozess“, je nach Zielvorgabe. Der Entwicklungsprozess geht meist nur bis zum Erreichen der Produktion in Serie. Der Entstehungsprozess umfasst auch die Produktion bis zu deren Ende.
Aber in jeder Firma werden mehr oder minder ausgeprägt alle oder einige der Fragen zur Beantwortung anstehen, die ich eingangs aufgelistet habe.
Für jeden dieser Entscheidungspunkte ist eine Vorbereitung nötig. Verschiedene Bereiche und Rollen im Unternehmen werden einen klar umrissenen Beitrag zu diesen Entscheidungen liefern können und müssen.
In einem Reifegradmodell oder Meilensteinsystem werden daher eine Reihe von Fragen zu jedem Meilenstein zu beantworten sein:
- Kommt dieser Meilenstein in unserem Geschäftsmodell / in diesem Projekt vor?
- Wenn ja, in welcher Zeitspanne des Projekts muss dieser Meilenstein entschieden sein, um den Auftrag zeitgerecht fertigzustellen? Dies wird meist eine Rückwärtsrechnung vom Zieltermin benötigen und eine Schätzung, wie lang alle Zwischenschritte benötigen.
- Welche Entscheidung steht genau zu diesem Meilenstein an? Gibt es ggf. vergleichbare Entscheidungen, die im Projekt gestaffelt, also zu unterschiedlichen Zeitpunkten getroffen werden müssen?[5] Wie wird damit umgegangen?
[5] Die Beauftragung von Anlagen und Werkzeugen kann stark durch die Vorlaufzeit variieren, die nötig ist, um diese Anlagen und Werkzeuge zu entwickeln,zu liefern und in Betrieb zu nehmen. - Welche Informationen müssen in welcher Qualität vorliegen, um die Entscheidung mit möglichst geringem Risiko einer Fehlentscheidung fällen zu können?
- Wie muss typisch reagiert werden, wenn der Meilenstein nicht zeitgerecht entschieden werden kann?
Alle diese Fragen können nicht allgemeingültig für eine Branche beantwortet werden. Dazu braucht jedes Unternehmen sein angepasstes System.
Rahmenwerke wie das VDA-Reifegradmodell, der APQP, das V-Modell und ähnliche Standards können dazu einen Vorschlag bereitstellen und sie enthalten eine relevante Sammlung von Fragen, die es zu berücksichtigen gilt.
Auf die Frage eines Kunden, ob das Lieferanten-Unternehmen einem Reifegradmodell nach dem oder jenem Standard folgt, wird die Antwort zwei Teile benötigen:
- Ja, wir haben grundsätzlich ein Meilensteinsystem, um unseren PEP systematisch zu verfolgen oder
Nein, das haben wir bisher nicht gebraucht. - Unser System unterscheidet sich gegenüber dem angesprochenen Standard in folgenden Punkten:…..
Ob ein Meilensteinsystem oder Reifegradmodell im Unternehmen auch dazu führt, dass Projekte rechtzeitig abgeschlossen werden, die Budgets eingehalten werden und die Ergebnisse rechtzeitig vor den Meilensteinen verfügbar sind, hängt zum einen davon ab, ob Zielvorgaben realistisch mit dem vorliegenden Wissen und den bereitgestellten Ressourcen erreicht werden, ob der Regelkreis der Entwicklung funktioniert und ob das Management ein funktionierendes System von Berichten, Eskalation und Entscheidung unterhält.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Den Reifegrad eines Projektes nach Plan zu erreichen, ist vorrangig eine Führungsaufgabe.
Im Projekt kommt 1.) immer alles anders, als man 2.) denkt.
Fazits:
- Nicht jede Firma benötigt ein Meilenstein- oder Reifegrad-Modell. Aber manche Branchen fordern und erfordern es.
- Wer Produkte oder Dienstleistungen in großer Menge entwickelt und produziert, sollte den Reifegrad im Projekt steuern können.
- Unternehmen mit komplizierten oder gar komplexen Produkten und einer Organisation mit Spezialbereichen benötigt Regeln zur Entscheidungsfindung.
- Jedes Unternehmen brauch sein individuelles System unabhängig vom Namen.
- Meilensteine werden das Management nicht davor bewahren, Entscheidungen treffen zu müssen auch wenn noch nicht alle gewünschten Informationen vorliegen.
- Standards wie VDA, AIAG, V-Modell geben wichtige Kriterien vor.
- Der Regelkreis für Entwicklung ist und bleibt eine Führungsaufgabe.
Bleiben sie neugierig
Uwe Jarosch